Re: Also gut: Reden wir mal über das Rauchen [2/2] - Domain-Urteil gegen Internet-Zigarettenh…

rauchenerwechselst Relativierung mit Relativismus. Relativierung ist ein
> wichtiges Werkzeug in der wissenschaftlichen Risikoeinschätzung, denn
> es würde unseren Alltag vollständig lähmen, wenn Risiken unabhängig
> von ihrer statistischen Relevanz Berücksichtigung fänden.
>
> Der Relativismus ist eine philosophische Denkrichtung, welche in
> ihrer absoluten Form die Naturwissenschaften und sogar die gesamte
> seit der Aufklärung in der Wissenschaft etablierte
> empirisch-deduktive und logisch-induktive Vorgehensweise, an Probleme
> heranzugehen, als lediglich eine gleichberechtigte Möglichkeit von
> vielen betrachtet und damit auch der Physik nicht mehr Bedeutung und
> insbesondere auch Korrektheit zubilligt als jeder beliebigen
> mystizistischen Weltanschauung.
Also zunächst mal: Ich verwechsel das nicht.
Es war mir nur nicht klar, daß Du das differenzierst.
> Ich bin aus vielerlei Gründen ein erklärter Feind des absoluten
> Relativismus und seiner Spielarten:
>
> Erstens, weil er sich selbst widerlegt; denn wer mit solch
> destruktiver Skepsis an die Naturwissenschaften herangeht, der müsste
> die gleichen Maßstäbe erst recht an seiner eigenen Philosophie
> anlegen. Mit anderen Worten, wer abstreitet, dass die Gesetze der
> formalen Logik in irgendeiner Weise “richtiger” sein können als ein
> frei gewählter Satz an absurden Aussagen, der muss zwangsläufig zu
> dem Schluss kommen, dass es keinen Grund gibt, warum diese Ansicht
> selbst in irgendeiner Weise zutreffender sein sollte als dazu
> konträre Ansichten. Offensichtlich kann das Gedankengebäude des
> absoluten Relativismus nur entweder falsch oder für unser Leben
> völlig irrelevant sein.
Nein, so einfach ist es nicht.
Der Relativismus legt diese Maßstäbe durchaus auch bei sich selbst
an.
Er bezweifelt die Existenz einer absoluten Wahrheit und kann diese
folgerichtig auch nicht für sich selbst proklamieren.
Die “Aufklärer” von heute wären gut beraten, sich ebenso zu
verhalten.
Zum Einen sind “Wahrheiten” in der Geschichte immer wieder widerlegt,
oder sagen wir erneuert worden. Wie lange ist es her, daß die
unumstößliche Wahrheit darin bestand, daß die Erde eine Scheibe ist?
Zum Anderen hat Kant klar anerkannt, daß es Dinge gibt, die wir uns
mit unserem menschlichen Verstand nicht erklären können. Das will
heute aber kaum mehr jemand akzeptieren.
Beispiel:
Kant hat gesagt, daß wenn man die Geschichte immer weiter zurück
denkt, ein Punkt kommt, wo man nicht mehr weiter kommt. (Urknall -
wer hat geknallt?)
Daher hat er “Gott” als “notwendig zu denkendes Etwas” akzeptiert,
obwohl er Atheist war (und damit Gott als real existierend
keinesfalls anerkannt hat).
Da die Frage nicht zu klären war, hat er nicht weiter gefragt.
>
> Zweitens, weil die Durchdringung der Politik mit relativistischen
> Ideen seit Jahrzehnten massiven Schaden überall auf der Welt und vor
> allem in den Entwicklungsländern anrichtet. Beispielsweise ist es
> nach dem Relativismus nicht erlaubt, Schamanenmedizin für in
> irgendeiner Weise schlechter zu halten als das gesamte westliche
> medizinische Wissen, und zwar unabhängig von den empirischen Belegen,
> die - nach wissenschaftlichen Kriterien - ganz eindeutig darauf
> hindeuten, dass unsere Vorstellung vom menschlichen Körper, alles in
> allem, wesentlich zutreffender sein muss als diejenige der
> Schamanenmedizin.
Zumindestens ein schlechtes Beispiel.
Wenn man sich mit der Pharmaindustrie mal befaßt hat, die Krankheiten
erfindet, um ihren Profit zu steigern, setzt man hinter so eine
Aussage auf jeden Fall ein Fragezeichen.
Auch sollte man die in Hunderten oder Tausenden von Jahren gewonnene
Erfahrung von Naturvölkern nicht arrogant übergehen.
> Naturwissenschaftliche Fakten interessieren
> relativistisch denkende Menschen nur wenig, wenn überhaupt, da sie
> den Naturwissenschaften keine in irgendeiner Weise privilegierte
> Rolle gegenüber mystizistischen Lehren zubilligen. Sie übersehen
> dabei, dass sie selbst im Alltag sehr häufig nach der Methodik
> handeln, nach der unser naturwissenschaftliches Wissen erworben
> wurde. Viele westliche Entwicklungshelfer erweisen unterentwickelten
> Ländern einen Bärendienst, wenn sie die Einheimischen sogar noch
> darin bestärken, wissenschaftliche Erkenntnisse über den Menschen,
> die Natur und vieles andere für rein kulturelle Elemente zu halten,
> die es im Interesse kultureller Eigenständigkeit abzulehnen gelte.
Gut. Ablehnen im kategorischen Sinne wäre natürlich falsch.
Die Naturwissenschaften als Krönung der Erkenntnis darzustellen, ist
aber genauso daneben.
Und da setzt Erkenntnistheorie ja an:
Wir beide sehen einen Stein.
Und wir sind uns einig, daß wir einen Stein sehen.
Die Frage ist, was war das Ding, bevor es durch unseren
Erkenntnisapparat gefiltert wurde?
Wir haben alle unsere Erfahrungen und akzeptieren bestimmte
Konventionen.
Diese sind aber menschlicher Natur.
Und alle Wissenschaft beruht auf Kausalität.
Wenn die Konventionen aber falsch waren, stirbt die Kausalität.
(Die Erde ist keine Scheibe, also muß das komplette, darauf
aufbauende System neu durchdacht werden)
>
> Wer Relativismus mit Toleranz verwechselt, hat einiges nicht
> verstanden. Im Gegenteil kann gesellschaftliche Toleranz erst auf dem
> Boden der Anerkennung der Existenz objektiver Wahrheiten wie der,
> dass die Newtonsche Schwerkraftkonstante in Mitteleuropa etwa 9,81
> m/s

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