> 1. Habe ich jemals behauptet, Raucher zu sein?
> Ich denke, nicht. Ich habe nur versucht, Verständnis für die Position
> der Raucher zu entwickeln. Genauso, wie ich die Position der
> Nichtraucher verstehe. Hier wird aber größtenteils polarisiert, was
> im Zusammenleben nichts bringt.
Sicherlich wird kein Raucher aufhören, in der Öffentlichkeit andere
in der Nähe mit dem Rauch zu belästigen, wenn Nichtraucher ihn
schroff darauf aufmerksam machen, dass sie das stört. Letztlich
helfen bei so etwas nur gesetzliche Verbote.
Aus Deinem Absatz spricht die Motivation, eine bemüht neutrale
Position einzunehmen. Du übersiehst dabei, dass es gerade aus
wissenschaftlicher Sicht nicht immer falsch ist, sich scheinbar
extreme bzw. polarisierende Positionen zu eigen zu machen. Für die
Wissenschaft ist der Fall klar: Es gibt keine größere Gefahr in den
Industrienationen als das Rauchen, und zwar mit großem Abstand. Das
ist keine Behauptung, das ist eine inzwischen ebenso anerkannte
Tatsache wie die, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht
umgekehrt. In dieser Situation eine beschwichtigende und abwiegelnde
Position einzunehmen allein aus dem Grund, dass offenbar nicht
unerhebliche Teile der Bevölkerung den Tabakkonsum anders bewerten,
ist wenig zielführend - zumindest, wenn man von den Idealen der von
Kant begründeten Aufklärung etwas hält. Es ist leider eine sehr
gefährliche Tendenz in unserer Demokratie, dem absoluten Relativismus
zu huldigen, und mir scheint, dass etwas von dieser Einstellung aus
Deinen Ausführungen spricht.
Dass Rauchen mordsgefährlich ist, ist ein medizinisches,
statistisches und naturwissenschaftliches Faktum. Wenn es
“polarisierend” ist, das offen auszusprechen, dann muss ein
verantwortungsbewusster Wissenschaftler polarisierend sein.
> 2. Es gibt wissenschaftliche Studien, die belegen, daß Nikotin die
> Krankheit Alzheimer hemmen kann. Umstritten ist lediglich, ob der
> Nutzen das Risiko durch Nebenwirkungen übersteigt.
> Guckst Du:
> http://www.wissenschaft.de/sixcms/detail.php?id=214927
Diese Studie deutet zwar auf einen Zusammenhang hin, lässt sich aber
nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen, da es sich um eine
in-vitro-Studie handelt. Die festgestellten Reaktionen können in vivo
in Anwesenheit vieler weiterer, in diesem Experiment nicht
berücksichtigter Substanzen völlig anders ablaufen. Gerade deshalb
sind ja nach wie vor Tierversuche unbedingt notwendig.
> 3. Die Sache mit Tschernobyl.
> Dein profundes Wissen in allen Ehren.
> Ich habe das damals live miterlebt.
> Bis zum 26.04.86 gab es Grenzwerte, die in Sachen Radioaktivität für
> unbedenklich galten.
> Ab Mai ‘86 gab es per Gesetz / Verordnung neue Grenzwerte, die an die
> Realität angepaßt wurden.
> Wer da nicht nachdenklich wird…..
> Und vor dem Verzehr von Pilzen und Wild wurde dennoch eindringlich
> gewarnt.
>
> Vielleicht verfolgst Du mal die Leukämie-Statistiken seitdem. Und
> ebenso dieselben im Umfeld von AKW’s. Hier ist natürlich nicht
> Lungenkrebs das Thema, sondern Blutkrebs.
Es gibt nach meinen Informationen keine statistisch signifikante
Zunahme an Leukämie-Fällen in Deutschland nach dem
Tschernobyl-Unfall. Die behauptete Zunahme an Leukämie-Fällen im
Umfeld von Kernkraftwerken ist ebenfalls auf Unkenntnis über
statistische Zusammenhänge zurückzuführen: Die zufällige regionale
Häufung seltener Krankheiten ist ein unter Statistikern wohlbekanntes
Verhalten, welches mit der absolut geringen Zahl der Fälle
zusammenhängt. Mit anderen Worten: Es ist extrem unwahrscheinlich,
dass alle Leukämie-Fälle in Deutschland regional gleichverteilt sind.
Mehr noch, es wäre äußerst unwahrscheinlich, wenn unter diesen Fällen
regionaler Häufung in Anbetracht von 21 Kernkraftwerken in
Deutschland nicht auch gelegentlich die Umgebung eines Kernkraftwerks
wäre. Was dabei von Kritikern gerne verschwiegen wird, ist, dass es
noch weitaus mehr solcher Regionen gab und gibt, die mit
Kernkraftwerken überhaupt nichts zu tun haben und in denen auch keine
erhöhte Umgebungsstrahlung feststellbar war.
Nebenbei bemerkt, strahlt ein Kohlekraftwerk aufgrund des Anteils
radioaktiven Kohlenstoffs (C-14) stärker in seine Umgebung ab als ein
Kernkraftwerk. Die gemessenen Strahlungswerte sind in der Umgebung
eines deutschen Kernkraftwerks nicht signifikant höher als die
Umgebungsstrahlung, schon in wenigen Metern Abstand gibt es überhaupt
keinen irgendwie messbaren Unterschied. Höhere Strahlungswerte
herrschen lediglich in bestimmten Zonen auf dem Reaktorgelände,
welche entsprechend abgesichert sind und auch nur mit entsprechender
Schutzausrüstung betreten werden dürfen.
Übrigens führen Risikoforscher wie Peter Valberg von der Harvard
School of Public Health selbst im Falle der Atombombenexplosionen in
Hiroshima und Nagasaki nur vergleichsweise wenig Todesfälle unter den
Überlebenden der Explosion (welche durch ihre Druckwelle und die
Hitzeentwicklung Tausende von Menschen sofort tötete) auf die
radioaktive Strahlung zurück:
“By comparing the people exposed to higher doses to those exposed to
lower doses, and comparing the highly exposed population to people
not exposed at all, scientists believe that only about 500 of the
8,000 cancer deaths in the atomic blast survivors can be attributed
to radiation. The relatively low numbers of cancers in the Hiroshima
and Nagasaki population suggests that ionizing radiation is
definitively a cancerogen, but a weak one.”
(Aus: “RISK - A Practical Guide for Deciding What’s Really Safe and
What’s Really Dangerous in the World Around You”, David Ropeik,
George Gray, Harvard Center of Risk Analysis, Harvard School of
Public Health, Houghton Mifflin Company, ISBN 0-618-14372-6).
Mit dieser Einschätzung stehen die Statistiker und Mediziner aus
Harvard nicht alleine: Aus heutiger Sicht erscheinen viele der in
Deutschland in der Folge des Tschernobyl-Unfalls ergriffenen
Maßnahmen bei weitem übertrieben. Insbesondere weiß man heute, dass
es keinen statistisch signifikanten Anstieg von durch Radioaktivität
verursachten Krebserkrankungen (vor allem Leukämie und
Schilddrüsenkrebs) nach dem Tschernobyl-Unfall gegeben hat.
> Niemand will Rauchen im Angesicht radioaktiver Bestrahlung
> propagieren, aber es relativiert das Risiko etwas. Weil es nun
> einfach egal ist, ob ich vorzeitig an Lungenkrebs oder an Blutkrebs
> sterbe.
Nein, das ist schlicht falsch. Ganz im Gegenteil, es ist genau
umgekehrt: Das Rauchen relativiert sämtliche anderen von Dir
aufgeführten Risiken. Und zwar schlicht deshalb, weil es in
Deutschland nach Tschernobyl noch nicht einmal einen messbaren
Anstieg von Blutkrebserkrankungen gegeben hat, während jedes Jahr ca.
100000 Menschen an den Folgen des Rauchens sterben - welches übrigens
auch das Risiko für Leukämie verdoppelt. Angesichts der
Größenordnungen, um die es hier geht (Faktor 22 für Lungenkrebs bei
Männern), scheint Faktor 2 wenig zu sein - aber statistisch gesehen
ist selbst das enorm viel, weitaus mehr, als die allermeisten anderen
Umweltgifte in in der Umwelt vorkommenden Konzentrationen
irgendwelche physiologischen Auswirkungen hervorrufen.
Es tut mir leid, aber es ist für eine sachliche Risikoeinschätzung
zwingend vonnöten, sich mit den statistischen Grundlagen zu
beschäftigen. Und die weisen eindeutig das Rauchen als immensen
Risikofaktor aus, gegenüber dem Tschernobyl, Verkehrstote und
überhaupt so gut wie alle anderen Risiken der Industrienationen
lächerlich niedrig erscheinen. Die anderen von Dir aufgezählten
Risiken sind gegenüber dem Rauchen schlicht irrelevant. Wenn Du das
anzweifelst, bin ich gerne bereit, dies mit weiteren Zahlen und
Quellen zu untermauern.